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Startseite | In den Medien | TAZ u. Junge Welt 25.02.05

IPS am 25.02.2005

Null Toleranz – Somalische Ministerin bekämpft Genitalverstümmelung

Von Kirsten Prestin

Bonn, 25. Februar (IPS) - Ein kleiner Schnitt mit äußerst umstrittener Wirkung: Sunna, die mildeste Form der Genitalbeschneidung. In Somalia wird sie bereits vielerorts praktiziert. Doch dieser Minimaleingriff ist für die Frauenministerin der autonomen Provinz Puntland, Asha Gelle Dirie, nicht akzeptabel. Sie fordert die sofortige Abschaffung jeder Form weiblicher Genitalverstümmelung (FGM).

"Sunna befriedigt vor allem die traditionellen Erwartungen der Gesellschaft. Denn in Somalia ist nur eine beschnittene Frau eine richtige Frau", erklärt Dirie bei einem Gespräch mit IPS in Bonn. Bei der milden Sunna wird die Klitorisspitze nur berührt beziehungsweise eingeritzt. Im Vergleich zur pharaonischen Beschneidung oder Infibulation ist dieser Eingriff harmlos und wenig schmerzvoll. Denn bei der Infibulation werden Klitoris, kleine und große Schamlippen entfernt und die Wunde vernäht, was beim Urinieren, Geschlechtsverkehr und Gebären unsägliche Schmerzen verursacht.

"Die meisten Mädchen stehen nach der Verstümmelung unter Schock und müssen Tage lang liegen. Sie erleiden qualvolle Schmerzen, haben Blutungen und keinerlei medizinische Versorgung", so Dirie. Die Verstümmelung wird ohne Betäubung mit Messern, Rasierklingen oder Glasscherben von einer lokalen Beschneiderin durchgeführt. Im nordostafrikanischen Somalia sind die Mädchen bei der Beschneidung besonders jung: Ihr Alter liegt zwischen vier und sechs Jahren.

"Das grausame Ritual ist eine Tradition, die immer mit unserem Glauben begründet wird. Das stimmt aber nicht. Der Koran spricht nicht von Beschneidung", betont Dirie. Auch die milde Form der FGM lehnt die engagierte Frauenrechtlerin ab und verfolgt eine Null-Toleranz-Politik gegen jede Form der Genitalverstümmelung. "Die Idee, die hinter dem Ritual steckt, ist ganz einfach: Beschnittene Mädchen sind für die Gesellschaft gute und reine Frauen, während die anderen Huren sind."

Wille Allahs

Die somalische Bevölkerung folgt dem muslimischen Glauben. Besonders die Nomadenvölker und die Menschen auf dem Land betrachten FGM als Teil ihrer Religion. 80 Prozent der Bevölkerung in den ländlichen Gebieten hält die traditionelle Praxis deshalb für gut und das, obwohl jedes zehnte Mädchen nach einem solchen Eingriff stirbt. "Die Gemeinschaft nimmt das gelassen hin. Sie sehen darin den Willen Allahs", erklärt Dirie. Auch die Beschneiderin hat keine Konsequenzen zu befürchten und kann weiterhin ihrem Geschäft nachgehen.

"Seit 2003 gibt es bei uns ein Gesetz, das FGM verbietet und Ärzte oder alte Frauen, die Mädchen beschneiden, vor Gericht bringen sollte." Doch trotzdem konnte die grausame Praxis laut Dirie nicht gestoppt werden. Im Gegenteil: Die Zahl an illegalen Beschneidungen, die zu Hause durchgeführt wurden, nahm zeitweise noch zu. Besonders nachdem die traditionellen Medizinhäuser geschlossen wurden.

"Gerade die Großmütter sind für uns ein großes Problem. Denn es ist schwierig, sie davon abzuhalten, ihre Enkelinnen diesem grausamen Ritual auszusetzen", so die Ministerin. Die ältere Generation glaube den Mädchen damit etwas Gutes zu tun. Zudem würden die Mädchen ohne die Beschneidung keinen Ehemann finden.

Alle Frauen von 20 Jahren an aufwärts sind in Somalia beschnitten. Bei der jüngeren Generation ist es laut Dirie nur noch gut die Hälfte. Ein Erfolg, der aus den Aufklärungskampagnen der 150 somalischen Frauenorganisationen resultiert, die diese teilweise mit staatlicher Unterstützung durchführen. Bildung und Aufklärung heißt der Schlüssel zum Erfolg. Schon in Grundschulen wird versucht, ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen und über die gesundheitlichen Gefahren zu informieren.

Kein Frauenproblem

Besonders in den Städten findet eine Abkehr von der Tradition statt. "Noch vor fünf Jahren war FGM ein absolutes Tabu. Niemand wagte darüber zu reden. Das ist heute anders", unterstreicht Dirie. "Frauen und Männer trauen sich, darüber offen zu sprechen. Und viele Männer wollen nicht mehr, dass ihre Töchter beschnitten werden."

Zudem wurde die Zusammenarbeit mit anderen afrikanischen Staaten wie Senegal und den Ländern am Horn von Afrika verstärkt. "Durch die Bildung eines afrikanischen Netzwerkes können Frauengruppen, aber auch Regierungen kooperieren, um FGM zu beseitigen", betont Dirie. Auch die internationale Gemeinschaft ist gefragt. "Wir brauchen finanzielle Unterstützung für unsere Projekte." Sonst könnten auch die UN-Millenniumsziele nicht erreicht werden.

14 Jahre lang war Somalia ohne Zentralregierung. Seit Ende des letzten Jahres hat das kriegszerstörte Land ein Parlament, einen Staatspräsidenten und ein Kabinett. Hunderte somalischer Exilpolitiker leben aber weiterhin in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Das autonome Puntland hat seit Dezember 2004 ein neues Kabinett, dem 66 Männer und sechs Frauen angehören.

http://www.ipsgermany.info
IPS

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