Europa
stop-mutilation e.v.
Afrika
 
       Gegen die Beschneidung von Mädchen in Europa und Afrika
  
Startseite
Beratungsstelle
Medizinische Sprechstunde
Rekonstruktion
Flüchtlinge
Angebot für Schulen
Engagiert euch!
Informationen
Newsletter
Materialien
Literatur
Krankenhaus
Umschulung von
Beschneiderinnen
Schulprojekt
Partnerorganisation
Archiv
Über uns
Vorstand & Satzung
Fördermitglied werden
Spenden
Kontakt
Presse
Impressum

Startseite | In den Medien | WK 29.04.04

WESER-KURIER vom 29. April 2004

Horror der Beschneidung droht auch in Deutschland

6000 Mädchen werden täglich an den Genitalien verstümmelt

Von Christine Hunger

Bremen. Aufgewacht ist Jawahir Cumar in einem somalischen Krankenhaus mit zusammengeschnürten Beinen. Damals war sie fünf Jahre alt. Zwölf Stunden hat sie gewartet, bis sie zum ersten Mal auf die Toilette gegangen ist. Für jeden Tropfen hat sie zehn Minuten gebraucht. Irgendwie hat sie auch noch Glück gehabt. Denn sie ist in einem Krankenhaus beschnitten worden.

Heute kämpft die 27-Jährige in Deutschland gegen die Genitalverstümmelung. Sie ist Vorsitzende des Vereins "stop mutilation". Die "Aktion Weißes Friedensband" startet heute mit einer Impulsveranstaltung zum Thema Genitalverstümmelung. Beteiligt sind neben "stop mutilation" auch andere Vereinigungen. Ziel ist es, auf das Thema gerade in Deutschland hinzuweisen.

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind weltweit 130 Millionen Frauen von genitaler Verstümmelung betroffen. Jährlich kommen etwa zwei Millionen hinzu - das sind täglich 6000. In Deutschland leiden laut "Aktion Weißes Friedensband" etwa 24000 Frauen an den Folgen ihrer Beschneidung. Etwa 6000 sind davon bedroht.

"Es kommt vor, dass mehrere Familien zusammenlegen, um eine Beschneiderin aus dem Heimatland einzufliegen", erzählt Cumar. Oder die Mädchen werden in den Ferien in die Heimatländer geschickt. In Afrika gelte eine unbeschnittene Frau als unrein, erläutert Cumar das Dilemma. Eigentlich wollte ihr Vater gar nicht, dass sie beschnitten werde. Als er auf einer Reise gewesen sei, "hat meine Mutter aber den Druck von meiner Oma bekommen". Sie wurde unter Narkose beschnitten. Viele erlebten den Eingriff aber bei vollem Bewusstsein.

In den meisten Kulturen werde diese Praktik von traditionellen Beschneiderinnen mit Instrumenten wie Messern, Rasierklingen und Glasscherben durchgeführt. Üblicherweise ohne Betäubungsmittel. Das somalische Model Waris Dirie schildert in ihrem Buch "Wüstenblume": "Es gibt keine Worte, die den Schmerz beschreiben können. Es ist, als ob dir jemand ein Stück aus Fleisch aus dem Oberschenkel reißt, nur dass es sich dabei um die empfindsamsten Teile deines Körpers handelt."

Das Ritual wird in 26 afrikanischen Ländern praktiziert, heißt es in Unterlagen des Landesinstituts für Schule in Bremen. Dazu gehörten beispielsweise Äthiopien, Somalia, Tansania, Nigeria und Ägypten, außerhalb Afrikas existiert das Ritual in Syrien, Jordanien, Süd-Jemen und bei einigen mittel- und südamerikanischen Ethnien, etwa in Peru und in Mexiko sowie teilweise in Malaysia und Indonesien. In der Regel sind die Mädchen vier bis acht Jahre alt.

Die WHO unterscheidet vier verschiedene Formen weiblicher genitaler Verstümmelung - je nach dem, wie viel Körpersubstanz entfernt wird. Die weitest reichende Form ist die sogenannte pharaonische Beschneidung, die Infibulation. Darunter versteht man die Entfernung der Klitoris und das entweder teilweise oder vollständige Wegschneiden der kleinen Schamlippen. Weiterhin werden die großen Schamlippen ausgeschabt, um daraufhin mit Dornen zusammengeheftet zu werden. Oft wird nur noch ein streicholzkopfgroßes Loch zum Austritt von Urin und Menstruationsblut offen gelassen.

"Ungefähr jedes zehnte Mädchen verblutet bei dem Ritual", weiß Cumar. Schmerzen gehörten dann das ganze Leben lang dazu. "Als ich meine Tage bekommen habe, das war der Horror", erinnert sich Cumar. Da war sie 14 Jahre alt und lebte schon in Deutschland. "Ich wusste gar nicht, was los ist." Das Blut hatte sich gestaut. Die Ratlosigkeit war auch auf Seiten der Ärzte groß, wie man mit einer beschnittenen Frau umgeht. Aufklärung sei darum sehr wichtig.

Auch heute noch hat Cumar Schmerzen. Verbittert ist sie dennoch nicht: "Man muss das Beste daraus machen." Und sie hofft, dass sie viele Mädchen vor diesen "Gewalttätigkeiten" bewahren kann.

Informationen unter:
www.friedensband.de
www.stop-mutilation.org

Newsletter bestellen